Raw-Converter III: ON1 Photo Raw 2018

Verzweiflung macht sich breit. Der komplette PC reagiert nicht mehr, die Nutzung des Arbeitsspeichers durchbricht spielend die 5GB Marke und alles was ich bisher versucht hatte, war ON1 zu starten. Ich starte einen zweiten Versuch, vielleicht zeigt mir das Programm ja doch noch, warum es ein beliebter Raw-Converter ist.


On1 Photo Raw 2018 zählt zu den Programmen die ich erst kenne, seit ich mich mit Alternativen für Lightroom beschäftige – zuvor hatte ich keinen Ton davon gehört. Man kommt unkompliziert an eine 30-Tage-Testversion, die uneingeschränkt funktioniert. Seit dem Test von Lightroom CC weiss ich, dass das nicht selbstverständlich ist.

Der erste Start verläuft – ich hatte es angedeutet – rustikal. Die Performance ist unterirdisch, ab einem gewissen Punkt streikt das komplette System. Ich versuche es erneut, lasse dem Programm reichlich Zeit seine Hintergrundarbeiten abzuschließen, aber das entscheidende Problem bleibt bestehen: Der genutze Arbeitsspeicher rast in die Höhe, durchbricht ohne ein Bild überhaupt zum editieren zu laden die 5 Gigabyte-Marke und bremst damit das komplette System aus. Ein wenig stellt sich die Frage, wo der Vorwurf anzusetzen ist. Offensichtlich ist mein System mit seinen (ungewöhnlichen) 6GB Ram zu schwach aufgestellt um ON1 vernünftig auszuführen. Aber selbst effektvolle Spiele, Batch-Bearbeitung in Photoshop oder wortwörtlich alles was man in Lightroom anstellen kann, verbraucht weniger Speicher als ein einfach nur gestartetes ON1. Zum Vergleich: Lightroom Classic saugt nach dem Start 300MB = 0,3 GB oder 0,06x den Initialwert von ON1. Das ist Wahnsinn.

Performance

Warum reite ich auf diesem Wert so herum? Der RAM ist ein essentieller Baustein für die Geschwindigkeit eines Systems. Wichtige Daten – bei der Fotobearbeitung wäre das das zu editierende Bild – können hier abgelegt werden und stehen für Modifikationen sowie Lese- und Schreibprozesse sehr viel schneller zur Verfügung, als das über die Festplatte möglich wäre. Ist der Arbeitsspeicher voll, müssen diese Daten jedoch erst von der Festplatte nachgeladen werden sowie andere Daten aus dem Arbeitsspeicher gelöscht werden. Die Performance geht in die Knie.

Das lässt sich für ON1 in Zahlen verdeutlichen. Wechsel ich bei einem Bild in die 100% ansicht benötigt das Rendern der neuen Ansicht 13 Sekunden (entspricht in etwa dem Programmstart des alten Lightrooms, das neue unterbietet diesen Wert). Ist der Arbeitsspeicher erstmall gefüllt, explodiert die Zeit. 2 Minuten und 46 Sekunden. Es wird unmöglich, mit dem Programm zu arbeiten. Inzwischen fragt Windows, ob das nicht reaktive Programm geschlossen werden soll. Als ich ON1 dann tatsächlich aus dem Task-Manager heraus schließe da es auch Minuten nach Beendigung noch Speicher belegt, grätsche ich scheinbar in einen laufenden Prozess und beim nächsten Programmstart wird mir der Defekt einer DNG-Datei (!) gemeldet. Die Frustration steigt.

Ich versuche irgendwie das Programm zu testen und lasse die Leistung so gut es geht aussen vor. Bei den ersten Schritten im Programm auffällig ist das Fehlen einer Bibliothek. Der Startpunkt ist vielmehr ein optimierter File-Browser. Dieser beinhaltet weiterführende Funktionen im Gegensatz zum Explorer – Stichworte, Metadaten, katalogisiserte Ordner sowie entsprechende Filterfunktionen, eine eigenständige Dateiverwaltung, Importfunktionen o.ä. sucht man jedoch vergeblich. Gut möglich, dass das Fehlen einer Bibliothek mit ein Grund für den Speicherhunger des Programms ist: Beim Beenden muss immer auf den Abschluss der Aufgabe „Preview Generation“ gewartet werden. Die Designentscheidung wird in Tests von anderen Fotografen durchaus auch wohlwollend aufgenommen. Sortiert man seine Fotos eh nach Session oder Projekt, ist das ein entschlackter Workflow. Auch die Nutzung spezialisierter Bibliotheken ist denkbar. Für mich als „All-in-Oner“ ist das ein Nachteil.

Bibliothek

Ein frühzeitiger Hechtsprung in das Editiermodul gibt mir ein wenig Zeit, ein Foto zu editieren bevor der RAM wieder voll ist. Dabei reagiert das Programm auf Modifikationen durchaus flott. Während die allgemeine Sortierung etwas gewöhnungsbedürftig ist – hier im speziellen die z.T. redundante und eigenartig versteckte linke Seitenleiste – bietet das Programm nette Funktionen. Einzelne Module werden der Nutzeroberfläche nach Bedarf hinzugefügt, viele Presets stehen als Ausgangspunkt und schön vorsortiert zur Verfügung, insgesamt kommt alles schlank und gefällig daher. Ebenfalls nett: Kamera und Objektiv werden direkt vom Programm erkannt und entsprechende Korrekturen angewandt. Trotzdem bleibt auch bei ON1 die Empfehlung zur Vorkonvertierung mit dem Iridient Developer bestehen. Das Ergebnis bleibt besser.

ON1 versucht im Rahmen der Editierung sich gegenüber Lightroom abzusetzen. Dies geschieht zum einen über die schön umgesetzten Local Adjustments. Im Gegensatz zu den unübersichtlichen Pinsel-Punkten in Lightroom wird hier mit einem Quasi-Ebenen-System gearbeitet. Es wird maskiert, justiert, kombiniert. Das macht das Werkzeut ON1 sowie die Maskierung an sich vergleichsweise mächtig. Der Ansatz von Lightroom erscheint da etwas verkümmert. Weiterhin bietet ON1 die tatsächliche Arbeit mit Layern. Das bedeutet nicht nur die maskierte Parametrierung innerhalb eines Bildes, sondern auch das Kombinieren unterschiedlicher Bilder als Layer und die Phtoshop-Ähnliche Kombination. Ein gigantischer Vorteil gegenüber Lightroom.

Masking

Ebenfalls eine Besonderheit sind die Effects. Hier werden spezifische Effekte wie Glühen, Texturen oder Rahmen hinzugefügt. Bei mir ist dabei einmal ein Filter zwar hinzugefügt, dann in der Liste allerdings nicht mehr aufgeführt worden. Das hat das Foto in gewisser Weise unbrauchbar gemacht, da ich den Effekt eigentlich nur zu Testzwecken hinzugefügt hatte. Unangenehm fällt auf, dass der Wechsel zwischen Entwickeln und Effekt bzw. zwischen allen Modulen des Programms ein erneutes Rendern des Bildes nötig macht, was erneut 10 Sekunden und mehr in Anspruch nimmt.

Es ist wirklich schwer ein allgemein gehaltenes Fazit zu ziehen. Auf eine Dateiverwaltung zu verzichten finde ich wenig nachvollziehbar. Das kopieren und sortieren nach Aufnahmedatum ist eine einfache und hilfreiche Funktion – für mich ein Schwachpunkt. Entsprechend wirkt das Browse-Modul etwas beschnitten. Das Editieren hat schöne Ansätze: Funktional scheint alles vorhanden, Effekte und Layer erweitern das Angebot um interessante Möglichkeiten die es in Lightroom so nicht gibt, generell gibt es weitere interessante Detaillösungen in anderen Bereichen wie dem Drucken. Aber, und dieses aber ist – ihr konntet es euch bereits denken – ein Ausschlusskriterium: die technischen Probleme. Der Arbeitsspeicher läuft während des Programmstarts voll und verlangsamt Programm und System bis zur „Unnutzbarkeit.“ Das mag ein spezifischer Fehler für mein System sein, aber es schließt das Programm zur weiteren Nutzung für mich aus. Ob es sonst der Raw-Converter der Wahl geworden wäre, ich bezweifel es.

 

Quelle Titelbild: https://www.on1.com/products/photo-raw/

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