Raw Converter IV – ACDSee Ultimate 2018

ACDSee war für mich bisher ein simpler Foto-Betrachter, so wie die Vorschau bei Windows. Mehr Formate, schneller – geschenkt – aber ein Raw-Converter? Erst ein geradezu überschwänglicher Bericht – der das sofortige Deinstallieren von Lightroom und Photoshop forderte – brachte mich auf diese scheinbar ernstzunehmende Alternative. Zeit für einen ersten Test.


Vollständige Bibliothek, Raw-Converter, Layer-basiertes arbeiten: Meine Hoffnung in das Programm ist recht groß. Das Preisschild mit – je nach Angebotslage – zwischen 115 und 170€ in der Ultimate Version recht angenehm. Allerdings habe ich in einigen Kommentaren gelesen, dass wohl relativ häufig große Updates gefahren werden. Groß bedeutet in diesem Zusammenhang in der Hauptsache eine neue Versionsnummer, und das wiederum „die Pflicht“ zum Upgrade. Diese starten bei knapp unter 100€, Lightroom und Photoshop gibt es pro Jahr für 130€. Ein wirklicher Preisvorteil ist das dann auch nicht mehr.

Generell ist ACDSee ein File-Basiertes System. Das bedeutet, dass man Fotos nicht erst in die Bibliothek importieren muss, um diese nutzen zu können. Die Daten können aus dem File-Tree, der den gesamten PC umfasst, einfach ausgewählt werden. Das Widerspricht dem Bibliotheks-Gedanken von Lightroom und ist näher an der von mir kritisierten Variante von ON1 dran. Allerdings bietet ACDSee generell einen überwachten Katalog-Ordner und eine Import-Funktion an. Mit dieser kann auch eine EXIF-Basierte Ordnerstruktur (z.B. auf Basis des Aufnahmedatums) erstellt werden, was mich dann wieder mit dem gewählten Weg zwischen Bibliothek und File-System versöhnt.

Verwalten
Besagter Import ist recht Ressourcen-Fressend. Während der PC an sich weiterhin geschmeidig funktioniert, gerät ACDSee bei jedem neuen Foto kurz ins Stocken. Der Import sollte also eigenständige Aufgabe gesehen werden, eine Import-begleitende Sichtung ist eher nicht möglich. Der Grund hierfür könnte in der extensiven Vorbereitung der importierten Daten liegen. Wählt man nämlich ein Bild nach dem Import aus, ist es unmittelbar voll verfügbar, inklusive Vorschau, EXIF-Daten und Histogramm. Während des Importvorgangs wird im unteren Bildschirm – auch bei minimiertem ACDSee ein kleines Vorschau-Fenster mit Gesamtfortschritt sowie kleinem Thumbnail angezeigt. Ein nettes Detail.

Während ich auf die Test-Fotos warte, hantiere ich ein wenig in der Oberfläche herum. Hier fällt positiv auf, dass jedes Fenster und jeder Tab frei andockbar sind. Gefällt mir das Histogramm unten links nicht, kann ich es kinderleicht verschieben: Als alleiniges Merkmal oben Rechts, als ein Auswahltab an besagter Stelle, unterhalb des bestehnden Elements. Hier kann jede Vorliebe abgebildet werden – Top! Einzige Einschränkung, nicht alle Fenster sind in allen Modulen verfügbar, was durchaus problematisch sein kann. Dazu später mehr.

Überblickt man den generellen Programmaufbau landet man bei einem – wenig überraschend – ähnlichen Aufbau wie Lightroom mit Organisieren und Editierend als Hauptkomponenten. Weitere Elemente, wie das Drucken, verstecken sich einfach hinter dem entsprechenden Menüeintrag. Sinnvolle Abweichung ist dabei sicherlich die Unterteilung von Entwickeln und Editieren, also dem klassischen Raw-Converter und den „Ebenen und Effekten“.

Für mein Empfinden eigenartig und auch ohne erkennbare Vorteile ist die Unterteilung des Bibliothek-Moduls in Verwalten, Fotos und Ansicht. Ein  verzweifelter Versuch der Aufschlüsselung:

Verwalten entspricht im Großen und Ganzen der Lightroom-Bibliothek. Es gibt Auswahlfilter, die Ordnerstruktur der Festplatte (als Unterschied zu Lightroom), den Block der Verschlagwortung und natürlich die Vorschau. Dabei liegt mir persönlich der Fokus zu sehr auf der Ordnerstruktur. Alle Fotos der Bibliothek zu betrachten geht „nur“ über den Befehl „Spezielle Objekte“ -> „Bildbank“, einer der letzten Einträge im Katalog-Fenster. Zusätzlich wird hier Features wie der Farbmarkierung, die ich selbst nicht benutze, viel Raum eingeräumt. Insgesamt bleibt das Gefühl, dass dieser Teil des Programms an meinen persönlichen Wünschen (über die Modifizierbarkeit der UI hinaus) vorbei geht. Vielleicht ist genau das aber auch eine Frage der Zeit und somit Erfahrung: Durchaus angeboten wird nämlich im Rahmen des Filmstreifens die Möglichkeit, alle Filter schnell und eingebettet in den Vorgang des Betrachtens zu vergeben. Tut man dies, macht auch die entsprechende Suchfunktion wieder mehr Sinn.

Eine eigenartige Besonderheit ist der Modus Ansicht. Dessen Existenz erklärt sich quasi ausschließlich aus dem Fehlen der entsprechenden Funktionen im Verwalten-Modul. Beispielsweise die Möglichkeit an ein Bild heran zu zoomen existiert in letzterem nämlich nicht. Durch einen Doppelklick auf ein (Verwalten-) Bild wechselt ACDSee automatisch in die Ansicht, wo das wiederum möglich ist. Nun kann man zwar Navigieren, aber die Fenster – z.B. zur Verstichwortung – sind nicht mehr verfügbar. Der Wechsel zwischen den Modulen dauert zusätzlich noch seine zwei Sekunden, die zuweilen mit flackerndem Bildschirm einher gehen. Ich verstehe diese Trennung zwischen Verwalten und Betrachten schlicht nicht. Abgesehen von persönlichen Präferenzen dürften auch andere Fotografen beispielsweise die Schärfe eines Bildes überprüfen, bevor sie es bewerten – eine Aufgabe die ausschließlich in der 1:1-Ansicht durchzuführen ist. Das bedeutet für ACDSee den nervenbelastenden Modulwechsel.

Dabei ist die generelle Geschwindigkeit beim Durchschauen der Fotos gut. Schnell werden die einzelnen Komponenten, v.A. die Vorschau, geladen. Dies funktioniert bei uneditierten Bildern durch den (legitimen) Trick, die in RAW-Daten eingebettete JPG-Vorschau anzuzeigen. Dabei ist die Qualität aber gerade in der 1:1-Ansicht drastisch reduziert (siehe unten), aber auch editierte Bilder liegen schnell vor. Der optionale Wechsel zwischen Vorschau und tatsächlichem Raw kann ein paar Sekunden in Anspruch nehmen, ist aber jederzeit möglich.

JPGvsRaw

Ein drittes Modul der Bibliothek ist der Fotos-Reiter. Für mein Empfinden handelt es sich hierbei ausschließlich um ein optisches Gimick. Alle Fotos der Bibliothek werden als abstandsloses Raster und unter zeitlichen Überschriften gruppiert (Jahr, Monat, Tag) angezeigt. In diesem Modus gibt es keine weiteren Fenster, die Funktionen zur Verfügung stellen würden – auch nicht optional einblendbar. Einzig der Doppelklick führt uns erneut in das Ansicht-Modul. Generell ist dies wohl recht ähnlich zum Bibliotheks-Modus von Lightroom gedacht, aber da nichtmal die Vergabe von Stichworten möglich ist, bleibt nicht viel mehr übrig als eine nette, aber sinnlose Übersicht.

Fotos

Zusammenfassend wirkt die Bibliotheks-Funktion von ACDSee unnötig sperrig. Zum einen weil sie meinen Gepflogenheiten nicht entspricht (Ordner-Fokussierung), vor allem aber da sie durch ihr spezielles Design (Trennung von Betrachten, „Bibliothek“ und Verwalten) unnötig aufgefächert wird. Ich glaube wie gesagt durchaus das eine Gewöhnung eintritt, aber gerade da der Wechsel zwischen den drei Bibliotheksmodulen nicht fließend ist und mir kein Vorteil dieser Herangehensweise einfällt, sehe ich hier den Vorteil ganz klar bei Lightroom.

Interessanter Weise bleibt über das Editieren weniger zu sagen, als über die Bibliothek. Es gilt der Grundsatz der bisherigen Tests: Es ist „alles“ vorhanden. Belichtung, Gradiationskurven, Farbmanagement, Objektiv- und Kamerakorrekturen, Reparaturpinsel. Auffällig für mein Empfinden: Die lokalen Anpassungen in Form von Pinseln oder Verlaufsfiltern sind in der Modifikationsauswahl im Vergleich zu Lightroom beschnitten. Zum Beispiel die lokale Anpassung des Weißabgleichs dürfte ein praxisrelevantes Beispiel sein, das fehlt. Aber es gibt auch Besonderheiten, die ich aus keiner anderen Applikation kenne, wie den Light-Equalizer.

LightEQHierbei handelt es sich um eine umfassende, grafische und mächtige Funktion zur feinen Umverteilung von Helligkeitswerten im Bild. Durch einfaches ausprobieren konnte man hier das Bild sehr viel schneller und differenzierter editieren, als es mit der Gradiationskurve möglich wäre. Komisch finde ich, dass ein interaktives Zoomen (in Lightroom z.B. ein Doppelklick auf das Bild) nicht möglich ist. Jede Größenveränderung hat am Bildrand über entsprechende Schaltflächen zu passieren.

Ebenen

Die ganz große Besonderheit und auch Alleinstellungsmerkmal von ACDSee Ultimate sind zweifelsohne die Ebenen. Diese kann man für mein Verständnis durchaus mit einem Photoshop-Light vergleichen. Die Kombination unterschiedlicher Layer aber auch unterschiedlicher Bilder, das Hinzufügen von Anpassungsebenen sowie eine Palette von weiterführenden Effekten erweitern die klassische Raw-Converter-Suite um eine mächtige Komponente. Zusätzlich sind in diesem Modus die klassischen „Bearbeiten“-Funktionen ebenfalls verfügbar. Das ist auch in sofern nötig, als das ein mit Ebenen versehenes Bild nicht mehr im Bearbeiten-Modus geöffnet werden kann. Da es – soweit ich das überblicken konnte – keine virtuellen Kopien gibt (Snapshots, also das Speichern von Editierzuständen zum erneuten Aufruf zählen hier nicht), muss man vor der Editierung also händisch eine Kopie anlegen – etwas umständlich.

Nicht so gelungen finde ich nebenbei die Übersetzungen. Hier hat man manchmal das Gefühl, dass ein Auto-Übersetzer zum Zuge gekommen ist. Erhöht man z.B. die so genannte „Lichtaufhellung“, werden die hellen Bereiche des Bildes reduziert. Die Namensgebung passt nicht einmal ansatzweise zum Ergebnis.

Editing

Erneut fällt mir die Zusammenfassung schwer. Betrachtet man die generelle Funktionalität erscheint mir ACDSee Ultimate eine gute Sache zu sein: Das Editieren ist grob auf Lightroom-Niveau, die Ebenen-Funktionen ein tolle Erweiterung und das Bibliotheks-Modul ist zumindest in einer grundlegenden Form vorhanden. Aber wie diese Komponenten ineinander greifen ist horrend: Bild in der Verwaltung heranzoomen? Ab ins Ansicht Modul. Im übersichtlichen Foto-Modul irgendetwas (!) machen? Zurück zu Verwalten. Hinzu kommt, dass diese Module beim Wechsel scheinbar jedesmal neu geladen werden müssen: Für mehrere Sekunden friert die Anwendung ein, häufig ändert sich (bei mir) danach die Fenstergröße weg von der Vollbild-Ansicht. Die Übersetzung ist zumindest einmal lieblos. Somit das entscheidende Problem: Mir macht das Editieren schlicht keinen Spaß mehr- und bei dem Funktionsumfang ist das eigentlich schade, bei dem Preis nicht zu verzeihen.

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