Kinder fotografieren – welche Kamera, welches Objektiv

Nicht die Kamera macht das Bild, sondern der Fotograf. Letztendlich ist dieser Leitspruch der Fotografie einfach nur die griffigere Formulierung von „Eine gute Kamera alleine macht noch kein gutes Bild.“ Aber: Ein gute – oder eher: die Richtige – Kamera hilft durchaus. Und wenn man bei diesem Thema ist: Gleiches gilt für das Objektiv. Das ist mehr als man vielleicht denkt für die Fotografie von Kindern gültig.

Die Anforderung an die Kamera die ein Kind aufnehmen soll, ist dabei nicht grundlegend anders als in den anderen Bereichen der Fotografie: Ermögliche mir, diesen Moment festzuhalten. Klingt trivial, beinhaltet aber unterschiedlichste Aspekte die ich im folgenden Beleuchten möchte. Ziel ist es, dass ihr eure möglichen Investitionen mit den Kriterien aus diesem Artikel besser bewerten könnt.

Kinder_Fotografieren-1

Hinweis: Da ich meine Tochter nicht im Internet abbilden möchte, müsst ihr für diesen Artikel mit abstrakten Fotos Vorlieb nehmen.

 Autofokus

Der vielleicht wichtigste Aspekt eurer (neuen) Kamera wird der Autofokus sein. Kinder zu fotografieren unterscheidet sich kaum von der Sport-Fotografie: Ständige Bewegung, kurze Augenblicke. Ob ein Foto in einem solchen Moment gelingt hängt in der Hauptsache vom rechtzeitigen Fokussieren ab. Deswegen ist die absolute Autofokus-Geschwindigkeit interessant und bereits die halbe Miete. Ich habe aber für mich festgestellt, dass gerade der kontinuierliche Autofokus an meiner Kamera einen zusätzlichen Unterschied macht. In diesem Modus fokussiert die Kamera nicht nur regelmäßig nach, sie versucht die Bewegung des Hauptmotivs zu verstehen und vorherzusagen – auf Schaukeln, Rutschen, Fahrgeräten, oder einfach per Pedes. Wer wissen möchte, auf welchem Level sich der Stand der Technik bewegt, kann sich die Spitzenmodelle von Sony (A-7III oder A-9) anschauen – aber auch „kleinere“ Kameras bringen hier bereits hervorragende Leistung.

Ein Schmankerl kann bei aktuellen Kameras die Gesichtserkennung sein. Im aktuellen Bild sucht die Kamera automatisch nach einem Gesicht und fokussiert dieses – oder sogar ein Auge. Das gibt die Möglichkeit, ohne sich um Fokuspunkte zu kümmern, einen beliebigen Ausschnitt zu fotografieren. Ein nettes Feature, aufgrund der (zusätzlichen) Versagenswahrscheinlichkeit aber definitiv kein Must Have.

Ich halte den Autofokus für einen der Hauptgründe, in eine solide Kamera zu investieren, statt beispielsweise das Handy zu benutzen.

 Serienbild

Sprechen wir von kontinuierlichem Autofokus müssen wir natürlich auch von Serienbildaufnahmen sprechen. Ich empfehle weniger auf die Serienbildgeschwindigkeit sondern mehr auf die Ausdauer der Kamera zu achten. 8 Bilder pro Sekunde bringen nichts, wenn nach einer halben Sekunde die Luft raus ist. Die Kamera sollte mehrere Sekunden – wenn auch nur bei 3 oder 4 Bildern die Sekunde – durchhalten können. Eine solide Performance unter Serienaufnahme halte ich für ein wichtiges Kriterium beim Fotografieren von Kindern. Aus einer Serie von Bildern des Sandkastensprungs auswählen zu können, steigert die Ausbeute an sich und somit die letztendliche Qualität immens.

Kinder_Fotografieren-3

Auslöseverzögerung

Schon beim Autofokus sind die beliebten Handykameras nicht gut weggekommen. Bei meinem Mittelklasse-Handy dauert es mit Fokussieren bis zu 1,5s zwischen Auslösen und Aufnehmen – und diese Zeit setzt eine bereits gestartete Kamera-App voraus. Dynamische Szenen sind dann schon vorbei, und auch bei statischen Situationen ist das schöne Lächeln dann nur noch eine „festgetackerte“ Grimasse. Muss man beim Kauf einer Kamera auf die Auslöseverzögerung achten? Gerade in der Klasse der kompakten Kameras: Ja! Plant man eh in Richtung Spiegellos / DSLR / Premium kann man sicher davon ausgehen, dass man kein Problem mit dieser Thematik haben wird.

Einen unschlagbaren Vorteil haben die kleinen Telefone jedoch trotz alledem noch: Sie sind immer dabei. Mit dem Aspekt beschäftigen wir uns später noch.

 Blende

Wenden wir uns dem gerade bei Einsteigern häufig sträflich vernachlässigten Objektiv zu und beginnen wir mit der Blende. Man kann ganz pauschal sagen: Je größer, desto besser. Das hat mehrere Gründe: Zum einen haben gerade Portraits eine deutlich schönere Wirkung mit geöffneter Blende. Der Hintergrund verschwimmt, die fotografierte Person wird freigestellt, das Foto wirkt intensiver. Zum anderen lässt eine große Blende ganz plump mehr Licht auf den Sensor fallen. Da ich es bei meiner Tochter vermeide zu blitzen ist die effektive Nutzung des vorhandenen Lichts ein wichtiger Aspekt. Bleibt die Frage: Welche Blende muss es denn minimal sein? Ich wage mich jetzt weit vor und behaupte unter Berücksichtigung des Budgets: Alles um 2 funktioniert gut. Die klassischen Kit-Objektive mit einer Blendenöffnung von 3,5 bis 5,6 zählen da meines Erachtens nicht zu. Das XF27mm von Fuji mit seiner für eine Festbrennweite recht kleinen Blende von 2,8 funktioniert aber meiner bescheidenen Meinung nach durchaus schon. Und während es wahnsinns-Objektive mit Blenden von 1,0 – 1,2 gibt glaube ich, dass ihr mit einem 2,0 Objektiv definitiv glücklich werden könnt – qualitativ, bezüglich der Größe und vor Allem preislich.

 Brennweite (auf APS-C)

Welche Länge darf das Objektiv denn haben? Fotografiert man Menschen wäre der klassische Vorschlag wohl irgendwas zwischen 50 und 100mm zu wählen. Für die Fotografie von Kindern würde ich eine kürzere Brennweite empfehlen: Marschrichtung sollte etwas um die 35mm werden. Der Grund ist, dass man sich bereits bei 50mm recht deutlich aus dem Geschehen herausziehen muss. Das funktioniert im Garten noch, im Kinderzimmer eher nicht. 35mm sind nicht umsonst auch in der Street-Fotografie extrem beliebt: Fotos von mittendrin. An dieser Stelle kann ich noch einmal den Verweis auf das 27mm geben: auch hiermit fotografiere ich viel und gerne meine Tochter. Allerdings ist es sicherlich schon das untere Ende der Fahnenstange: formatfüllende Portraits verzerren bereits zu stark.

Persönlich bin ich, wie vielleicht schon durchgeschienen ist, Fan von Festbrennweiten: Bessere Bildqualität, häufig größere Blendenöffnungen, einzelne Objektive bei eigentlich jedem Hersteller zu guten Kursen zu haben, schön kompakt. Gerade für Anfänger sei gesagt: Mit dem 18-200 tut ihr euch keinen Gefallen und auch mit den meisten 18-55 Kit-Objektiven nicht. Ihr limitiert die Bildqualität, die die Kamera letztendlich aufnehmen kann.

 Gehäuse

Die erfolgversprechendste  Möglichkeit, Fotos von tollen Momenten in den Sand zu setzen ist übrigens, sie gar nicht erst zu machen. Das ist tatsächlich ein entscheidendes Problem: Kinder zu fotografieren ist immer und überall möglich – und genauso passieren immer und überall Sachen, die ein Foto wert sind. Wenn die Kamera und die dazugehörige Ausrüstung zu groß und / oder zu schwer sind um in einem solchen Moment dabei zu sein, sind es die falschen Werkzeuge. Punkt. Beachtet sowohl bei der Kamera als auch bei dem / den Objektiven, wie viel ihr zu tragen bereit seid: Sowohl was das Gewicht angeht, aber auch was an zusätzlichem Volumen (Fototasche statt unbeladen) ok sind. Spätestens wenn es auf Basis der technischen Werte zweier Kameras ein Stechen gibt, sollte dieses Kriterium herangezogen werden, eigentlich schon früher. Z.B. Fuji, Sony, Olympus und Canon haben angenehm kompakte (spiegellose) Kameras im Angebot.

Fujifilm XF 27mm Test / Review - Beispielbilder

 Megapixel

„Vollkommen“ egal. Wer heute eine Digitalkamera kauft bekommt ziemlich sicher eine zweistellige Megapixelanzahl. Das reicht. Wirklich! Der wirklich einzige Grund, warum Megapixel ein Thema sind: Sie lassen sich gut vermarkten.

Abschluss

Wie meine Kamera zum Fotografieren von Kindern aussieht, ist auch ohne Markennamen und Typenbezeichnung klar: Kompakt sollte sie sein, mit einer schnuckeligen, günstigen Festbrennweite. Und ansonsten vor allen Dingen flott. Scharf stellen, scharf halten und auch eine Salve von Fotos ohne Schluckauf wegspeichern.

Welche Kamera es konkret sein soll kann ich für euch nicht entscheiden. Tatsächlich einmal im Fachgeschäft anfassen ist die Devise. Als Startempfehlung: Fuji X-E“…“, Sony Alpha „x-Tausend“, Olympus OM-D „…“.

Und nicht in die „das nächste Modell kostet nur X Euro mehr und kann zusätzlich Y“-Falle tappen. Am Ende ist es dann eben doch wieder der Fotograf, der das Foto macht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.