ISO – der überschätzte Parameter

Es ist das heilige Triumvirat der Fotografen, die erste Lektion der technischen Fotografie, die Parametrisierung eines jeden Fotos – Blende, Verschluss und ISO. Ich behaupte: die ISO-Zahl wird überschätzt.


Es ist kein Zufall, dass wir unsere drei Hauptparameter schon früh in der Fotografie kennen und anwenden lernen. Immerhin handelt es sich bei Ihnen um die Eckpfeiler des berühmten Belichtungsdreiecks. Für die korrekte Belichtung des Fotos stehen selbige in direktem Zusammenhang: Erhöhe ich A, müssen B und / oder C entsprechend nachgezogen werden.

Stelle ich dieses fundamentale Gesetz der Fotografie mit meiner These in Frage? Natürlich nicht. Hierbei handelt es sich immerhin um die Physik der Belichtung – daran lässt sich nicht rütteln. Aber ich stelle in der allgemeinen Diskussion sowie bei mir selbst ein Fehlverhalten in der Bewertung und Nutzung des ISO-Wertes fest.

Schauen wir uns die Parameter und ihre Wirkung kurz an. Die Blende: sie entscheidet über Schärfe und Tiefenschärfe unseres Bildes. Portrait: f1.2. Landschaft: f11. Und wieder andere Einstellungen für Gruppenbilder, Food oder Astro. Und nebenbei wird auch noch die Menge an Licht, die auf den Sensor fällt, mitbestimmt. Verschlusszeit: 1/1000s bei Sport, 10 Sekunden für Sterne, 30s für den verträumten Effekt bei Wasser, 1/250s für ein Portrait etc. pp. Klarer Nebeneffekt: je länger ich belichte, desto heller wird mein Bild. Und ISO? Welchen gewünschten Effekt bei der Fotografie bringt mir die ISO-Zahl? Bewusstes einführen von Rauschen? Wenn überhaupt, dann Nachbearbeitung! Reduktion des Dynamikumfangs? Das gleiche!

Was tut der ISO-Wert also für uns? Es mag ausgesprochen offensichtlich klingen, aber es ist wichtig für das fotografische Bewusstsein: Der ISO-Wert regelt die Helligkeit so nach, dass unsere Gestaltungsoptionen durch Verschluss und Blende möglich werden. Das geht in dynamischen Situation für mich so weit zu sagen: Vergesst die ISO-Zahl. Trefft eure gestalterischen Entscheidungen, drückt auf den Auslöser, und beschäftigt euch falls nötig in der Nachbearbeitung mit dem Rauschen.

Wie komme ich, nach Jahren der Fotografie, (erst) jetzt darauf?  Ich habe der ISO-Zahl lange Zeit eine immense Bedeutung zugemessen. Bloß kein Rauschen war die Devise. Der Irrglaube einer maximalen Bildqualität als Basis eines rundum gelungenen Fotos stand dahinter. Viel zu häufig aber auch die Feststellung nach einem fotografischen Moment, dass 1/60s zwar viel Licht herein lässt, aber auch viel zu lange für viele Motive ist, inklusive aller sich ganz normal bewegender Menschen. Oder das man natürlich mit f1.2 ein tolles Bokeh und helle Bilder bekommt, es einem Bild aber nicht zuträglich ist, wenn das Motiv durch Bewegung um einen halben Zentimeter auf einmal Teil des Hintergrundes wird. Nicht zuletzt auch die Erkenntnis, dass man durch Nachbelichten einer zu dunklen Aufnahme in Lightroom auch keinen Blumentopf gewinnt.

Etwas weniger launisch ausgedrückt: Es gibt praktikable oder gestalterische Gründe für Blende und Verschluss. Das geht sogar so weit, dass das Gelingen eines Fotos davon abhängt. Wenn es auch nicht den einen richtigen Wert gibt, so gibt es in jeder Situation immerhin für beide Parameter einen sinnvollen, aber begrenzten Bereich. Diesen Bereich sollte man für den ISO-Wert nicht verlassen. Ganz im Gegenteil, es ist die ureigene Aufgabe des ISO-Wertes, genau diesen gestalterischen Sweet Spot zu ermöglichen. Und einen Moment zu opfern, weil man mit Glück etwas weniger Bildrauschen hinbekommen hätte, ist grober Unfug.

Ist der ISO-Wert also vollkommen egal? Er ist Teil des fotografischen Handwerkszeugs. Hat man den nötigen Spielraum, sollte und muss man diesen als guter Fotograf auch Nutzen. Immerhin hat der ISO-Wert eben doch Einfluss auf das finale Ergebnis. Also ist es ganz klar, dass ein Verständnis dieses Wertes für eine fundierte Parametrisierung wichtig ist. Aber nur weil die ISO-Zahl ein Teil des Belichtungsdreiecks ist, darf man sie nicht über ihre eigentliche Funktion – nämlich der korrekten Belichtung – bewerten. Es ist die verlorenen Aufnahmen nicht wert.


One thought on “ISO – der überschätzte Parameter

  1. Carsten Reply

    Hey Daniel,

    Du schreibst mir aus der Seele. Jahrelang habe auch ich versucht, unter Inkaufnahme mancher Kompromisse, ein Bildrauschen weitgehend zu vermeiden. Viel entspannter geht es allerdings vonstatten, wenn man sich auf das gestalterische Potenzial von Blende und Verschlusszeit konzentriert und die ISO ihre Arbeit machen lässt. Und jede neue Generation von Kameras macht das einfacher! Deshalb teile ich Deine Ansicht absolut! Jedoch hat’s bei mir auch lange gebraucht, das zu bemerken. Deshalb kann man das wohl nicht oft genug lesen!

    Beste Grüße, Carsten

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