Roadtrip Portugal #2 – Mit dem Camper von Lissabon an die Algarve

Mit einem süffisant hämischen Blubbern säuft der Motor ab, nicht ohne uns vorher achstief in den Sand gegraben zu haben. Tag I unserer Camper-Tour: Festgefahren.


Ja, der Motor war ganz alleine Schuld. Wir sind danach trotzdem noch eine schöne Woche mit dem Wohnmobil zwischen Lissabon und Algarve unterwegs gewesen.

Die Analyse ist schnell abgeschlossen: Da kommen wir nicht mehr aus eigener Kraft raus. Und: Es gibt schlechtere Orte um mit dem Wohnmobil hängen zu bleiben.Damit geht ein anstrengender erster Tag zu Ende: Ein sanfter Einstieg war die Fahrt durch den Lissaboner Berufsverkehr als Camper-Neuling nicht. Und weit gekommen sind wir dank Kindern auch nicht. Und jetzt stecken wir noch in dem – laut Vermieterin – „little sandy“ Boden fest. So macht das keinen Spaß.

Aber es zeigt sich trotz allem, dass das, was wir uns von dieser Woche versprechen, durchaus realistisch ist. Ein paar Meter von unserem erzwungenen Haltepunkt stürzen die Klippen hinunter in den Atlantik. Das Rauschen und zuweilen Krachen der Wellen dringt gedämpft zu uns hoch. Zwar haben wir andere Fahrzeuge in Sichtweite, sind aber eigentlich für uns hier zwischen den alten Kieferbäumen. Eine lange Treppe führt hinunter zu Strand und Meer – so weitläufig, dass man auch hier für sich sein kann. Und das bereits mit Sprache ausgestattete Kind findet es auf anhieb so gut, dass es noch jetzt – 5 Monate später – immer wieder darauf zurück kommt.

Der Trip

Ein unfassbarer Sonnenaufgang begrüßt uns am nächsten Morgen und wir frühstücken erst einmal vor unserem ungewollt tiefergelegten Wohnmobil. So macht das doch wieder Spaß.Sonnenaufgang PortugalKurz darauf ruckelt ein Einheimischer samt altem Traktor uns aus der Misere und zurück in die Freiheit. Dabei verbiegt es uns die Abschleppöse. Egal, Vollkasko.

Heute wollen wir Strecke machen, es geht in Richtung Autobahn und wir kämpfen uns Richtung Süden. Der Rückweg dann entlang der Küstenstraßen. Wir kommen zwar voran, aber schön ist der Blick aus dem Fenster nicht. Aride Hügel fliegen an uns vorbei, hin und wieder unterbrochen von häufig auch verlassenen Gehöften oder einzelnen Wirtschaftsgebäuden. Selten mal ein aus der Distanz nur wenig charmantes Dorf am Wegesrand. Das Hinterland läd wenig zum Erkunden ein. Einziger Vorteil sind die wirklich leeren Autobahnen.

Wir kommen gegen frühen Nachmittag in Luz, westlich von Lagos, an. Mitte Oktober herrscht gut Betrieb und wir dürfen uns auf dem gigantischen Areal zwischen 5 verfügbaren Stellplätzen entscheiden. So voll hatten wir es nicht erwartet – schon gar nicht mitte Oktober. In den Sommermonaten geht ohne vorherige Reservierung nichts. Auf dem Rückweg richtung Norden haben wir dieses Problem nicht. Mit ein Grund für den Ansturm: Wildes Campen ist nicht erlaubt und wird gerade in Touristenregionen und Nationalparks auch mit Strafen durchgesetzt. Aber die Algarve ist auch schlicht ganzjährig beliebt.

Diese Form des Campens hat naturgemäß wenig von Abenteuer. Es gibt Schwimmbad, Yoga und Zaubershow, man steht relativ eng und kommt dadurch – das ist positiv – mit diesem und jenem ins Gespräch. Aber es ist auch irgendwie Club-Urlaub im Campervan. Das ist einfach der Character des Campens in der Region der Algarve. Trotzdem nehmen wir die Zeit zum Ausspannen und für das Amüsement der Kinder zwei Nächte lang gerne mit.

Dann endlich geht es wieder los – diesmal entlang der Küstenstraße im Westen entlang des Atlantik zurück nach Lissabon. Hier ist es in vielerlei Hinsicht einsamer, auch auf den Campingplätzen. Diese haben jetzt im Oktober aber zuweilen schon zu oder nur noch ein stark reduziertes Angebot – häufig nur noch Stellplatz und Sanitäreinrichtungen. Deswegen sollte man eine gewisse Nähe zu einem Dorf oder einer Stadt suchen und sich vorher über sein Etappenziel informieren. Generell sind die Plätze hier auch wieder deutlich rustikaler. Häufig unproblematisch, zuweilen aber auch mit der Tendenz zu platzweit fehlenden Klobrillen.

Trotzdem ist die Route ist traumhaft. Häufig sind es die Leuchttürme, die uns anziehen. Sie markieren einfach ein Ziel, an dem wir uns orientieren und die Strecke in Etappen einteilen können. Und schön sind sie auch noch wie hier am Cabo de Sao Vicente.

Vom Leuchtturm aus gibt es häufig ein wildes Netz ausgetretener Pfade entlang der Steilküste. Man ist hier ziellos, im besten Sinne. Fotografisch muss man sich fast schon zusammenreißen, nicht alles abzulichten. Ein Mittagspicknick für die Kinder mit Aufsichtsperson A gibt Person B auch Zeit und Freiraum, alleine mit der Kamera über die Klippen zu hüpfen und das Stativ aufzubauen. Denn besonders gut funktioniert gerade am helligten Tag ein ND-Filter. Die Verschlusszeit weniger Sekunden zeigt die Wildheit und Energie des Meeres und macht auch Szenen ohne besonderes Licht reizvoll.

Wer hier, zwischen Algarve und Lissabon unterwegs ist, bekommt die etwas einsameren Orte – die Felsen, Klippen, den Wind und die Wellen des Atlantik. Es ist nicht die sommerliche Copa Cabana Stimmung des Mittelmeers, Strände sind nur ein begrenzter Teil der Landschaft, aber die Elemente wirken so viel intensiver als anderswo auf der Reise.

Besonders dieser Leuchtturm, der Farol do Cabo Sardao, hat es mir angetan. Schroff, wild und weitläufig mit einer riesigen Delfin-Schule auf der Durchreise vor der Küste. Da wäre ich jetzt gerne wieder.

Aber trotzdem gibt es sie natürlich auch hier: Die Buchten zum Baden, Surfen und entspannen. Die Camping-Plätze zum wohlfühlen. Die Orte zum genießen des Tourist-Sein. Warum auch nicht? Es ist die Vielfalt, gepaart mit einer schönen Ursprünglichkeit, die die Atlantikküste südlich von Lissabon ausmacht.

Über das Unterwegs sein

Schnell stellen wir fest, dass es hier das gleiche Google-Maps-Phänomen gibt, dass uns auch in Irland schon in die Irre geführt hat: In Portugal zählt laut Navi alles als befahrbar, was einen Einheimischen nicht vom Erreichen der 30 abhält. Sprich: schmale Schotterpisten mit unbefestigtem Randstreifen und haarsträubenden Kurven – gerade im Wohnmobil. Glaube also niemals der Zeitangabe eures Navis – das setzt nämlich die maximal erlaube Geschwindigkeit als Referenz an – und die ist ausserorts trotz allem 100.

Für uns war es als Anfänger besonders spannend, wie das Reisen mit einem Camper sich wohl anfühlen würde. Die gute Nachricht: Portugal ist ein angenehmes Autofahrerland. Kein Tiger im Tank, kein Ego hinterm Steuer – das ergibt entspanntes Reisen. Dabei brauch man vor dem Fahrzeug selbst keine Angst zu haben. Relativ schnell fühlt es sich natürlich an mit so viel Auto durch die Gegend zu kurven. Zwei Tipps: Seht die Fahrten als Teamarbeit an. Gerade zu Beginn und später auch noch beim Einparken oder an engen Stellen macht ein aktiver Beifahrer einfach Sinn. Und: Vollkasko! Einfach nur für die entspannte Geisteshaltung.

Möchte man auf der Fahrt ein bisschen was erleben oder sehen – und wer möchte das nicht – werden die Straßen gleich fordernder. Es war zuweilen selbst auf ausgebauten Straßen physikalisch unmöglich das Wohnmobil innerhalb einer Spur zu manövrieren. Und je nach Ort stellte sich durchaus die Frage, ob man mit so einem riesen Gefährt nicht irgendwann feststecken würde und vielleicht doch lieber umdrehen sollte. Wenn es überhaupt erlaubt war, einen Ort mit Camper zu befahren.

Trotz aller Freude an unserem Fahrzeug stellte sich so immer wieder ein Gefühl von Eingeengtheit statt Freiheit ein. Vielleicht wäre ein Auto mit Hänger die bessere Alternative? Oder einfach nur ein kleinerer Camper?

Unser Vehikel

Denn unser Camper war letztendlich einfach einen Tacken zu groß. Vor der Reise hatten wir die Qual der Wahl: Das Angebot ging von umgebauten Klein(st)bussen wie IndieCampers hin zu den großen Wohnmobilen wie dem unseren.

Unsere Erfahrungen aus Irland haben uns gezeigt, dass wir eine gewisse Größe mit einem bestimmten Ausbaugrad brauchen, um so eine Tour genießen zu können. Dazu zählen ein Bordnetz für Ladegeräte und Licht am Abend sowie – ganz wichtig – Schlafplätze, für die das Mobil nicht umgebaut werden muss. Nur so hat man noch Platz zum Sitzen wenn die Kinder schon schlafen. Die Alternative, der ständige Umbau für die Nacht, ist nicht nur ein nervtötender Aufriss – immerhin muss auch jedesmal das Gepäck bewegt werden – sondern schränkt auch beim Leben im Wohnmobil immens ein. Gerade mit Kind(ern) stressig. Persönlich deshalb die Empfehlung, was den Platz angeht, nicht zu knapp zu kalkulieren.

In Retrospektive war unser Mobil trotzdem etwas zu groß. Die Küche haben wir für gelegentlich mal Kaffee-Kochen eigentlich nicht gebraucht. Für eine Woche schien es unsinnig selbst zu kochen, da wir selbst die Basics wie Öl oder Salz hätten anschaffen müssen und niemals hätten verbrauchen können. Und auch die Nasszelle war zuviel des Guten. Weder haben wir hier drin geduscht noch sonst irgendwas verrichtet. Die Reinigung in der gemeinschaftlichen Jauchegrube war schon so eine visuell- olfaktorische Zumutung. Eine andere Fahrzeugkategorie hätte uns im Nachhinein vermutlich etwas Geld gespart und mehr Mobilität gegeben. Wir haben fürs nächste mal gelernt, vielleicht hilft euch unsere Erfahrung jetzt schon ein bisschen weiter.

Gebucht haben wir übrigens bei McRent Lissabon über den Vermittler Camperdays mit Vollkasko. Hatte ich schon erwähnt, dass Vollkasko eine gute Sache ist? Eine ebenfalls häufig anzutreffende Alternative scheint Indie Camper zu sein, die eher in die Richtung kompakt umgebaute Transporter gehen. Mit diesem Vermieter haben wir aber noch keine Erfahrungen gemacht.

Was bleibt

In unserer Reisekonstellation als Teil eines 4-Wochen-Programms war die eine Woche Vanlife eine schöne Abwechslung. Wer überlegt einen vollen Camper-Roadtrip zu machen ist – meine Einschätzung – selbst mit zwei Wochen noch unterversorgt. 3 Wochen Minimum, besser mehr. Aber langsam zu sein ist hier auch einfach Teil des Genuss. Jeder, der nur ein winziges bisschen für das Maritime, für Wind, Strand und Sonnenuntergänge übrig hat, findet hier einen der besten Orte in Europa – übrigens gerade im Herbst.

Das funktioniert auch mit kleinen Kindern – zur Reisezeit 6 Monate bzw. 3 Jahre alt. Allerdings verändert es das Reisen auch. Durch die Distanz zwischen Erwachsenen und Kindern im Wagen sind kleine Handreichungen nicht mehr so einfach möglich. Klingt trivial, ist aber tatsächlich ein Zeitfresser. Insgesamt nimmt die Reisegeschwindigkeit deutlich ab – gerade Tage zum Kilometerfressen („Erstmal an die Algarve und dann sehen wir weiter“) kann man faktisch vergessen. Das liegt sicherlich auch am reduzierten Reisekomfort auf den hinteren Plätzen eines Wohnmobils. Letztendlich erfordern Kinder aber auch eine Form von Spagat. Ich persönlich hätte den Club-Camper-Teil nur allzu gerne ausgelassen, aber ein Leuchturm am Atlantik hält die Lütten eben nicht bei Stimmung. Hier hätten wir uns vorher – das eine Empfehlung – besser Gedanken machen können, in welchen Zeitfenstern und an welchen Orten wir kindgerecht urlauben und welche Reise-Zeitfenster wir uns dadurch erkaufen können. Letztendlich können wir berichten, dass die Große von dieser Woche Urlaub begeistert war. Vielleicht wenig überraschend: Einen Roadtrip im Camper kann man auch mit Kindern empfehlen.

Vielleicht helfen euch unsere Erfahrungen den perfekten Caravan-Urlaub zu machen. Wählt die Größe des Wagens gut – groß genug für den Komfort, klein Genug für die Mobilität. Setzt euch keine ambitionierten Wegpunkte – schaut einfach wie weit ihr kommt, auch wenn es Luftlinie nur 20 km sind. Egal ob mit oder ohne Kinder. Und meidet Sand, auch wenn es nur „a little sandy“ ist.

P.S.: Vollkasko.

Weiter geht es zwischen Lissabon und Porto – dann mit fester Basis und normalem Auto.

Woche 1: Lissabon <- Übersicht -> Woche 3: Zwischen Lissabon und Porto

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